Wieso vertrockneter Rasen so wichtig ist für Berlin

Warum sind Mager- und Trockenrasen eigentlich so super? Und sind Städte wirklich unsere Zukunft?

Mager- und was für n Rasen? Das werden sich wohl die meisten Menschen fragen, wenn sie diese Überschrift lesen. Es handelt sich um ein spannendes, wichtiges und tatsächlich interessantes Biotop, dass mitten in Berlin zu finden ist, und zwar da, wo wir sicher keine naturschutzrelevante Fläche vermuten. Dazu aber später mehr. Jetzt erst mal zu einer kurzen Definition des Wortes Biotop – um alle Lesenden auf den gleichen Stand zu bringen.

Ein Biotop ist die funktionale Interaktion aller biotischen und abiotischen Faktoren in einem gewissen Raum. Also die Interaktion von allem was nicht lebt (Wasser, Steine, Boden, Wind, Luft,…) und allem was lebt (Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen, …)

Eine Lebensgemeinschaft also. Andere bekannte Biotope sind zum Beispiel Streuobstwiesen, Buchenwälder oder auch Parkwiesen. Was macht nun also den sogenannte Mager- und Trockenrasen zu einem spannenden Ort. In diesem Text soll einfachheitshalber vor allem der Berliner Mager- und Trockenrasen exemplarisch vorgestellt werden. Wie der Name schon vermuten lässt, ist das Biotop zum einen, durch seine Trockenheit, zum anderen durch Nährstoffarmut (mager) geprägt. Beide Faktoren gehen auf die Bodenbeschaffenheit zurück. Berlins Böden sind vor allem sandig und können dadurch weder Nährstoffe noch Wasser besonderes gut halten. Es fließt einfach alles durch die grobkörnige Struktur der Sandkörner hindurch. Den Pflanzen und Tieren bleibt also wenig übrig zum Überleben. Und dennoch ist diese Pflanzenformation eine der artenreichste in ganz Berlin. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Mager- und Trockenrasen entstehen in Berlin nämlich häufig da, wo andere Arten aufgrund mangelnder Ressourcen keine Überlebensmöglichkeiten haben. Diese Orte sind zum Beispiel Trümmerflächen, brachgelegenen Industriestandorten oder auch nicht mehr genutzten Bahnanlagen. Aufgrund der extremen Bedingungen wie Hitze von bis zu 50 Grad an einem Sommertag, die über Nacht auf 10 Grad herunterkühlt, können nur besonders angepasste Pflanzen und Tieren eine beständige Population auf den Flächen entwickeln. Das Biotop hat, wie der Name schon vermuten lässt, einen Rasencharakter und daher keinen oder einen geringen Baumbestand, wodurch die extremen Temperaturunterschiede von Tag zu Nacht entstehen. Gerade solch extremen Biotope, die eine hohe Artendichte aufweisen, leisten einen großen Biodiversitätsbeitrag in der Stadt. Diese gelten nämlich im Gegensatz zum Umland als Biodiversitäts-Hotspots. Aufgrund der feinen Fragmentierung der Lebensräume in der Stadt, gibt es extrem viele verschiedenen Pflanzen und Tiere, die auf einer kleinen Fläche vorkommen. So ist die Biodiversität in der Stadt viel höher, als in der ausgeräumten Agrarlandschaft. Dort finden wir heutzutage nur noch wenige Pflanzen- und Tierarten, was vor allem auf den hohen Pestizideinsatz und die verschwindenden Lebensräume wie Hecken oder Wiesen zurück zu führen ist. In der Stadt hingegen ist gerade der menschliche Einfluss für die hohe Biodiversität verantwortlich. Mager- und Trockenrasen würden normalerweise im Laufe der Zeit verändern und im sich im weiteren Verlauf zu einem Wald entwickeln. Aufgrund regelmäßiger Störung durch den Menschen wird der Raum aber offengehalten. Übermäßiger Nährstoffeintrag durch beispielsweisen Hundekot kann aber wiederum, gerade für nährstoffarme Biotope wie Mager- und Trockenrasen, problematisch werden.
Darum steht dieses Biotop auch unter Schutz. Eine solch ausgewiesene Fläche unterliegt gesetzlichen Bestimmungen. Es darf zum Beispiel nicht einfach darauf gebaut werden, denn das Biotop ist nach Gesetz zu erhalten und zu pflegen. Dazu gehört auch die Offenhaltung, da nur so die Eigenschaft des Biotops erhalten werden kann. Natürlich steht das im Konflikt mit immer weniger vorhandenen bezahlbaren Wohnraum in Städten. Vielleicht ist es genau deswegen so wichtig zu verstehen, warum Freiflächen sowohl für uns als auch für Pflanzen und Tiere in der Stadt so wichtig sind. Freiflächen bieten uns nicht nur Erholung, sondern mildern auch extreme Hitze im Sommer, da sie sich in der Nacht abkühlen und so den Hitzestress mildern. Ein ausgewogenes Verhältnis an Freiflächen und Wohnungsraum ist also unerlässlich für eine nachhaltige Stadt. Und selbst der langweilig aussehende, fast vertrocknete Rasen am Wegesrand wird plötzlich unheimlich wichtig. Also, scheut euch in Zukunft nicht, mal etwas genauer hin zu sehen.


von Ann-Marie Attenberger